DIE SCHLACHTEN VON SAN MARTINO UND SOLFERINO

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Ohne auf die fondamentalen Ideen, die der Geschichte und der europäischen Politik zu jener Zeit zugrunde lagen, zurückkommen zu wollen, kann man behaupten, dass der Krimkrieg, das Pariser Abkommen und die Politik von Camillo di Cavour sowie die Fehler der Regierung von Wien, Napoleon III. im Frühjahr 1859 dazu bewegten, mit seiner Italienischen Armee im Piemont und in der Lombardei an der Seite des Königs von Sardinien, Vittorio Emanuele II., im zweiten Unabhängigkeitskrieg Italiens gegen die erste und zweite Armee Österreichs unter der Führung des Kaisers Franz Joseph zu kämpfen.

Nach den Kämpfen im Ost-Piemont, in Magenta und Melegnano, und dem Halt für den triumphalen Einzug in Mailand, beschloss Napoleon III. am Abend des 23. Juni, nachdem er bereits den Fluss Chiese überquert hatte, den Marsch von Lonato - Castiglione delle Stiviere in Richtung Solferino und Guidizzolo fortzusetzen, während die Sardische Armee sich auf Pozzolengo zubewegte.
Franz Joseph hatte sich bereits in den zuletzt genannten Orten aufgestellt, indem er mit seinen beiden Armeen wieder den Fluss Mincio überquerte, um auf das rechte Ufer zu gelangen. Seine Absicht war es, mit seiner zweiten Armee die gegnerischen Truppen zu trennen, indem er das Sardische Heer zwang, mit dem Gardasee im Rücken und die Franzosen in Richtung Voralpen zurückzuweichen. Er hoffte, dass seine erste Armee - stark durch viel Kavallerie – die gegnerische Formation in der Ebene von rechts einkreisen könne.
Keiner der beiden Kaiser dachte, dass es an diesem Tag wirklich zu einer Schlacht kommen würde.

Historischer Videoclip auf Deutsch

Die alliierte Bewegung wurde in fünf Linien aufgeteilt, und zwar von Nord nach Süd:

• Die sardische Armee, in 4 Divisionen – I. (Durando), II. (Fanti), III. (Mollard), V. (Cucchiari) – unter dem Befehl von Vittorio Emanuele II., von Desenzano und Lonato nach Peschiera und Pozzolengo;
• Das I. französische Militärkorps - Baraguey d'Hilliers - von Esenta nach Solferino;

• Das II. Korps - Mac Mahon - von Castiglione delle Stiviere nach San Cassiano und Cavriana;
• Das IV. Korps - Niel – durch drei Brigaden des III. Korps und zwei Kavallerietruppen gestärkt - von Carpenedolo nach Medole und Guidizzolo;
• Das III. Korps - Canrobert - von Mezzane, über Medole und Acquafredda nach Castel Goffredo;
• Die Kaisergarde, in der Reserve
Franz Joseph befahl seiner zweiten Armee – Schlick –, den Feind auf den Hügeln zwischen Lonato und Castiglione frontal anzugreifen. Seiner ersten Armee – Wimpffen - hingegen befahl er, den Feind in der Ebene von Süden her einzukreisen. Dabei wurde sie von einer aus Mantova kommenden Truppe unter dem Kommando von General Jellacic unterstützt.
Während die Alliierten kurz nach 3 Uhr morgens mit der Bewegung begannen, bewegten sich die „Kaiserlichen" (so wurden die Österreicher genannt) nicht vor 8.30: diese zeitliche Verschiebung verursachte, dass die Ersten in Marschordnung in der Nähe des festgesetzten Ziels ankamen, während die Zweiten überfallen wurden, bevor sie sich überhaupt bewegen konnten.

Aus österreichischer Sicht:

• I. Armee: die III. Schwarzenberg Truppe - in Guidizzolo; die IX. Schaffgotsche Truppe – weiter im Süden, genauer gesagt in Rebecco; die XI. Wiegel Truppe - in Cerlongo und das II. Korps Liechtenstein - in Volta Mantovana;

• II. Armee: das VIII. Korps - Benedek - in Pozzolengo und auf den Hügeln von San Martino; das V. Korps - Stadion - in Solferino; das I. Korps - Clam-Gallas - in Cavriana und das VII. Korps - Zobel - in Volta Mantovana.

Die Schacht kann in zwei Phasen unterteilt werden: die vor- und die nachmittägliche. Am Morgen fanden in erster Linie voneinander unabhängige Kämpfe statt, da sich die einzelnen Gruppen auf dem Vormarsch befanden. Erst gegen Mittag griffen die jeweiligen Oberbefehlshaber ein, um die Einzelaktionen ihrer Truppen im Hinblick auf eine entscheidungsbringende Handlung zu koordinieren.

In der ersten Phase: 

Das VIII. Korps Benedek traf mit dem Sardischen Heer aufeinander; das V. Korps Stadion und das I. Korps Clam-Gallas standen dem I. Baraguey d'Hilliers Korps gegenüber und mussten beachtliche Kräfte aufbringen, um sich in Madonna della Scoperta gegen eine sardische Truppe unter der Führung des Generals der Durando Division, dem Oberstleutnant Avogadro di Casanova, zur Wehr zu setzen.
Weiter südlich wurde das Wimpffen-Korps, das eigentlich in der topografisch schwierigen Ebene von Medole und den angrenzenden Gebieten, die von Gräben, Kanälen und Hecken durchkreuzt sind, agieren sollte, vom Niel-Korps aufgehalten. Das III. Korps Canrobert hielt in einem weitläufigen Manöver auf Medole zu. Die Kämpfe waren grausam und blutig, weil Infanterie-Einheiten aufeinander trafen oder weil grosse Kavallerie-Truppen eingriffen, aber auch wegen der Präsenz zahlreicher Artillerie. Besonders auf den Erhebungen von San Martino und weiter südöstlich kämpfte die Sardische Armee mit wechselndem Glück. Durch wütende Angriffe eroberten die Divisionen Durando, Fanti, Mollard e Cucchiari die verschiedenen Ortschaften, verloren sie wieder und eroberten sie erneut zurück. Die sardische Kavallerie-Division Sambuy hingegen blieb untätig hinter Lonato zurück.

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In der zweiten Phase: 

Obwohl Franz Joseph den ursprünglichen Operationsplan beibehielt, ließ er den Marsch des I. Korps Clam-Gallas auf Solferino beschleunigen, um das stark geschwächte V. Korps Stadion zu ersetzen und ließ das VII. Korps Zobel nach San Cassiano vorrücken, um die Lücke zwischen dem V. Korps und der zweiten Armee zu schliessen.
Glücklicherweise ahnte Napoleon III. voraus, dass die Schlacht in der Mitte entschieden werden würde. Er sendete seine Kaisergarde unter dem Kommando des Stabsfeldwebels Regnaud De Saint-Jean d´Augély aus, um sich mit dem I. Korps des Stabfeldwebels Baraguey d'Hilliers zu vereinen. Die Kämpfe waren extrem grausam und sehr blutig. Sie endeten um 13:30 mit der Eroberung Solferinos, zu der die Aktion der Sardischen Truppe in Madonna della Scoperta wirksam beigetragen hatte.
Das II. Korps Mac Mahon bewegte sich nach links nach San Cassiano und drängte das VII. Korps Zobel nach Cavriana zurück.
Die unüberwindliche Formation des IV. Korps Niel, die durch Einheiten des III. Korps Canrobert gestärkt war, vereitelte die Angriffe der V. kaiserlichen Truppe Wimpffen und zwang sie zum Rückzug über den Fluss Mincio nach Goito.
Nach einem starken Gewitter am Nachmittag, rückte Vittorio Emanuele II. weiter vor, indem er von Süden her mit der Division Durando und der Brigade „Aosta" der Division Fanti das österreichische VIII. Korps Benedek bedrohte.
Auf den Hügeln von San Martino wagte die Division Mollard (Brigade „Cuneo" und „Pinerolo") unterstützt von der Division Cucchiari (Brigade „Casale" und „Acqui") auf ausdrücklichen obersten Befehl erneut den Frontalangriff.
Um 20 Uhr war das VIII. Korps Benedek zum Rückzug nach Pozzolengo gezwungen. Seine Nachhut wurde vom sardischen Artilleriefeuer und dem Angriff durch die „Cavalleggeri di Monferrato" überfallen.
Somit war der Beitrag der Sardischen Armee zum Sieg von großer Bedeutung, sowohl, weil ihre Handlung in Madonna della Scoperta die der Franzosen in Solferino sehr erleichterte, als auch, weil sie im ersten Moment das VIII. Kaiserliche Korps besiegte, das vom besten Mann, über den Franz Joseph verfügte, General Benedek, befehligt wurde.

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Im Übrigen darf man nicht vergessen, dass die Ereignisse vom 24. Juni 1859 auf den Hügeln von Solferino und San Martino aus militärischer Sicht auch durch folgendes beeinflusst wurden:
• Die Alpenjäger, die unter Garibaldi von den lombardischen Voralpen aus in Richtung des Etschtals die österreichische Armee, die im Festungsviereck („quadrilatero" - östrreichische Festungen in Legnano, Mantova, Peschiera und Verona) stationiert war, bedrohten.
• Die IV. Division (Cialdini) mit den Brigaden „Regina" und „Savoia", den Bataillonen der Infanteristen („bersaglieri") VI und VII; und dem Regiment „Cavalleggeri di Novara", die vom Westufer des Gardasees aus in Richtung der Alpenausläufer operierten;
• Das V. Korps der französischen Armee unter dem Befehl des Prinzen Gerolamo Bonaparte, der nachdem er in Livorno an Land gegangen und nach Garfagnana und Lunigiana hinaufgestiegen war, im mittleren Po-Tal einen Angriff auf die linke Flanke des österreichischen Heeres organisierte;
• Die französische Flotte, der sich einige Schiffe der sardischen Marine angeschlossen hatten, und die in Lussino vor Anker lag, allzeit bereit Venedig zu belagern.

Die Orte Solferino und San Martino bleiben neben der soeben zusammengefassten Schlacht aus fünf Gründen Geschichte:
1. Hier fand die letzte Schlacht statt, in der sich inmitten der Kampfhandlungen im Umkreis von wenigen Kilometern drei Staatsoberhäupter zu Pferde befanden:
Franz Joseph, Napoleon III. und Vittorio Emanuele II.
2. Hier kämpfte eine Armee für die Unabhängigkeit Italiens, die wegen der vielen Freiwilligen, die aus allen Teilen der Halbinsel herbeigeeilt waren, schon eher italienisch als sardisch war;
3. Zum ersten Mal im modernen Europa kämpften auch zahlreiche farbige Soldaten in der französischen Armee, deren Präsenz Zeichen des damaligen Kolonialismus war;
4. Vielleicht zum letzten Mal kämpfte ein Heer, nämlich das von Franz Joseph, aus Loyalität zum Herrscherhaus und wegen des Legitimismus (Standpunkt der Unabsetzbarkeit des Herrscherhauses): einer der größten Begründer des Legitimismus war Prinz Klemens Lothar von Metternich, der genau in jenen Tagen in Wien verstarb;
5. Letztendlich, und das ist von großer Bedeutung für die Menschheitsgeschichte, die Tatsache, dass dieses Ereignis zur Gründung des Roten Kreuzes geführt hat.
Es war der Anblick der am Boden liegenden oder nur schlecht begrabenen Toten und der Verwundeten, die nur notdürftig von der Bevölkerung statt durch ausgebildete Sanitäter versorgt wurden, der Henry Dunant auf den Gedanken brachte, das Rote Kreuz zu gründen. Dafür bekam er den ersten Friedensnobelpreis.

Auf dass man, wenn man auf diesen Hügeln meditiert, wo im Laufe der Jahrhunderte schon viel Blut geflossen ist, einen bewundernden Gedanken an diejenigen richtet, die das Blut wegen eines Ideals oder aus Pflicht vergossen haben. Aber vor allen Dingen wollen wir hoffen, dass die Völker ihre Konflikte zu lösen wissen, ohne dafür das Wertvollste zu opfern: das Leben ihrer Kinder